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Kopf und Bauch

Monday, December 29th, 2008 |  Author: Jan Lachnit

‘Do what thou wilt’ shall be the whole of the law. Love is the law, love under will.
- Aleister Crowley, The Book of the Law

Diesem Prinzip folgen die Mitglieder der sogenannten Thelema-Bewegung. Doch so simpel das Prinzip auch klingen mag, so schwer fiel mir dessen Umsetzung in den letzten Wochen. Trotzdem kann ich es jedem nur empfehlen, es auch einmal zu probieren. Es ist wirklich nicht einfach. Wenn man erst mal beschließt, sich nicht mehr von den allgegenwärtigen Gesetzen, Regeln oder dem Willen anderer beherrschen zu lassen, muss man sich nämlich ständig Gedanken machen, was man eigentlich selber will.

“Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust”
Das klingt zwar ein bisschen zu melodramatisch, aber zwiegespalten fühle ich mich schon ein wenig. Einerseits gibt es da meinen Kopf, der mit Logik und Rationalität entscheidet. Andererseits aber trifft auch mein Bauch Entscheidungen. Was mein Kopf darüber denkt, interessiert ihn dabei scheinbar weniger, dafür ist er aber sehr beharrlich. Problematisch wird es immer dann, wenn beide unterschiedlicher Meinung sind. Vermutlich bin ich nicht der Einzige, dem es so geht. Sobald sich mein Bauch für irgendwas entschieden hat, lässt er sich von Argumenten und Fakten nicht mehr umstimmen. Normalerweise ignoriere ich ihn dann trotzdem zugunsten meines Kopfes, beziehungsweise zugunsten äußerer Umstände (Gesetze, Gruppenzwang, etc.). Nicht selten bereiteten mir solche Entscheidungen dann aber “Bauchschmerzen” und das noch nicht mal nur im übertragenen Sinne, wenn auch nur selten so stark, dass man wirklich von Schmerzen sprechen könnte.

In den letzten Wochen wollte ich jedenfalls versuchen, mich zur Abwechslung mal ganz auf meinen Bauch zu verlassen. Nicht nur um zu sehen, ob ich davon irgendwann “Kopfschmerzen” bekomme, sondern hauptsächlich eben weil mein Bauch sich nicht so einfach beeinflussen lässt. Ob es sich nämlich bei einer Kopfentscheidung tatsächlich um meine eigene und nicht um eine übernommene handelt, lässt sich ja praktisch nicht feststellen. Daraus folgerte ich also, dass mit “Wille” nur mein Bauchgefühl gemeint sein kann.

Darauf, dass der Bauch tatsächlich Entscheidungsqualitäten aufweist, möchte ich an dieser Stelle nochmal ausführlicher hinweisen. Denn nicht nur Sprichwörter wie “Aus dem Bauch heraus entscheiden” lassen darauf schließen, sogar die Wissenschaft stellte fest:

Mögen die Eingeweide auch hässlich erscheinen und von Wissenschaft und Gesellschaft tabuisiert werden - sie sind umhüllt von mehr als 100 Millionen Nervenzellen: mehr Neuronen, als im gesamten Rückenmark zu finden sind. Dieses “zweite Gehirn”, so haben Neurowissenschaftler herausgefunden, ist quasi ein Abbild des Kopfhirns - Zelltypen, Wirkstoffe und Rezeptoren sind exakt gleich.
- Geo.de

Nachdem ich nun also wusste, was ich “wollte”, versuchte ich mich darin, bei der Entscheidungsfindung auch darauf zu hören und mich, nachdem die Entscheidung gefallen war, nicht mehr kompromittieren zu lassen. Daraufhin konnte ich einige interessante Beobachtungen machen und ich bin nicht zu bescheiden sie auch mit meinen geneigten Lesern zu teilen (zumal darunter einige unfreiwillig Teilnehmer an meinem Versuch waren).

Zunächst einmal ist es - mit etwas Aufmerksamkeit - recht leicht, auf den eigenen Bauch zu hören. Viel schwieriger ist es dagegen, den eigenen Willen dann auch durchzusetzen. Im Alltag betreffen Entscheidungen nämlich auch andere Menschen, wenn auch oft nur indirekt. Früher oder später wird man sein Verhalten erklären oder sich dafür rechtfertigen müssen. Was sich bei reinen Bauchentscheidungen natürlich recht problematisch gestaltet. Insbesondere unangenehm wurden solche Situationen, wenn gute Freunde, die mich als sonst (halbwegs) rationalen Menschen kannten, versuchten mich umzustimmen. Besonders bei unwichtigen Entscheidungen ist es schwer “sich selbst treu zu bleiben” und nicht einfach dem Druck nachzugeben. ;)

Trotzdem muss ich sagen, dass ich bisher keine Bauchentscheidung bereue. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, glaube ich sogar, dass ich jene Entscheidungen meist bereut habe, die ich gegen mein Bauchgefühl getroffen habe. Egal wie viele Gedanken ich mir darüber gemacht hatte und wieviele mir dabei zustimmten. Allgemein fühlen sich Bauchentscheidungen einfach besser an, auch wenn es manchmal schwer ist, sie logisch zu begründen.

Doch mit der Rationalität bei der Entscheidungsfindung ist es ja sowieso nicht so weit her. Wissenschaftler haben nicht nur festgestellt, dass wir viele Entscheidungen erst treffen und dann begründen, sondern dass komplexere Probleme sogar besser intuitiv als durch Nachdenken zu lösen sind (Geo-Magazin 08, August 2008). Auch das ist eigentlich nichts Neues. Schon im Hagakure stand, dass sich ein Samurai für eine Entscheidung nur 7 Atemzüge Zeit nehmen solle.

Was würde jetzt wohl geschehen, wenn alle nur noch das täten, was sie wirklich wollten?
Keine Ahnung. Ich glaube aber nicht, dass es in Chaos ausarten würde, wie meine Mutter mir immer weiß machen wollte. Ich glaube, wenn jeder wirklich auf das hören würde, was sein Bauch ihm sagt, dann gäbe es schon mal weit weniger Unzufriedenheit auf dieser Welt (und weniger Magengeschwüre). Und mehr Zufriedenheit führt dann vielleicht zu weniger Neid, Hass und Gier und schlussendlich zu weniger Menschen, die anderen ihren Willen aufzwingen wollen.
Ich für meinen Teil werde jedenfalls bei Entscheidungen weiterhin versuchen, mehr auf meinen Bauch zu hören.

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Category: mind funk

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2 Responses

  1. Hi Jan,

    einige Beispiele für diese Entscheidungen, vielleicht die besonders banalen, wären sicherlich interessant.

    Ansonsten könnte man den Artikel ins Lehrbuch für ‘Coming Outs’ aufnehmen.

    Wer kennt das nicht, die Gesellschaft schreibt einem vor, es darf nur heterosexuelle Beziehungen geben, wenns auch im Bauch manchmal anders aussieht.
    Eine interessant Einsicht in diesen Artikel, wie ich finde.

    Ein frohes und gesundes Jahr 2009 wünscht
    ein geneigter Leser.

  2. Sei gegrüßt,

    gerne nenne ich noch ein paar von den banalen Entscheidungen. Beispielsweise tatsächlich mal wieder in die Logik Vorlesung zu gehen, obwohl vermutlich nur Unwichtiges behandelt wird und meine Kommilitonen mich versuchen davon abzubringen, war eine solche Entscheidung, die ich nach meinem Bauch getroffen habe. Immer wieder ist es auch die Entscheidung mich von einem gemütlichen Abend wieder nach Hause zu begeben. Einerseits denke ich, es wäre doch schön noch weiter da zu bleiben, doch wenn mein Bauch mir sagt ich sollte nun besser gehen, dann ärger ich mich im Nachhinein nur darüber dageblieben zu sein. Warum auch immer.

    Das mit dem ‘Coming Out’ ist wahrscheinlich auch ein gutes Beispiel, auch wenn ich da nicht viel zu sagen kann. Aber dafür habe ich ja auch meine geneigten Leser, die stets weitere Blickwinkel auf die Themen liefern.

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