-->

Kopf und Bauch

Monday, December 29th, 2008 | Author: Jan Lachnit

‘Do what thou wilt’ shall be the whole of the law. Love is the law, love under will.
- Aleister Crowley, The Book of the Law

Diesem Prinzip folgen die Mitglieder der sogenannten Thelema-Bewegung. Doch so simpel das Prinzip auch klingen mag, so schwer fiel mir dessen Umsetzung in den letzten Wochen. Trotzdem kann ich es jedem nur empfehlen, es auch einmal zu probieren. Es ist wirklich nicht einfach. Wenn man erst mal beschließt, sich nicht mehr von den allgegenwärtigen Gesetzen, Regeln oder dem Willen anderer beherrschen zu lassen, muss man sich nämlich ständig Gedanken machen, was man eigentlich selber will.

“Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust”
Das klingt zwar ein bisschen zu melodramatisch, aber zwiegespalten fühle ich mich schon ein wenig. Einerseits gibt es da meinen Kopf, der mit Logik und Rationalität entscheidet. Andererseits aber trifft auch mein Bauch Entscheidungen. Was mein Kopf darüber denkt, interessiert ihn dabei scheinbar weniger, dafür ist er aber sehr beharrlich. Problematisch wird es immer dann, wenn beide unterschiedlicher Meinung sind. Vermutlich bin ich nicht der Einzige, dem es so geht. Sobald sich mein Bauch für irgendwas entschieden hat, lässt er sich von Argumenten und Fakten nicht mehr umstimmen. Normalerweise ignoriere ich ihn dann trotzdem zugunsten meines Kopfes, beziehungsweise zugunsten äußerer Umstände (Gesetze, Gruppenzwang, etc.). Nicht selten bereiteten mir solche Entscheidungen dann aber “Bauchschmerzen” und das noch nicht mal nur im übertragenen Sinne, wenn auch nur selten so stark, dass man wirklich von Schmerzen sprechen könnte.

In den letzten Wochen wollte ich jedenfalls versuchen, mich zur Abwechslung mal ganz auf meinen Bauch zu verlassen. Nicht nur um zu sehen, ob ich davon irgendwann “Kopfschmerzen” bekomme, sondern hauptsächlich eben weil mein Bauch sich nicht so einfach beeinflussen lässt. Ob es sich nämlich bei einer Kopfentscheidung tatsächlich um meine eigene und nicht um eine übernommene handelt, lässt sich ja praktisch nicht feststellen. Daraus folgerte ich also, dass mit “Wille” nur mein Bauchgefühl gemeint sein kann.

Darauf, dass der Bauch tatsächlich Entscheidungsqualitäten aufweist, möchte ich an dieser Stelle nochmal ausführlicher hinweisen. Denn nicht nur Sprichwörter wie “Aus dem Bauch heraus entscheiden” lassen darauf schließen, sogar die Wissenschaft stellte fest:

Mögen die Eingeweide auch hässlich erscheinen und von Wissenschaft und Gesellschaft tabuisiert werden - sie sind umhüllt von mehr als 100 Millionen Nervenzellen: mehr Neuronen, als im gesamten Rückenmark zu finden sind. Dieses “zweite Gehirn”, so haben Neurowissenschaftler herausgefunden, ist quasi ein Abbild des Kopfhirns - Zelltypen, Wirkstoffe und Rezeptoren sind exakt gleich.
- Geo.de

Nachdem ich nun also wusste, was ich “wollte”, versuchte ich mich darin, bei der Entscheidungsfindung auch darauf zu hören und mich, nachdem die Entscheidung gefallen war, nicht mehr kompromittieren zu lassen. Daraufhin konnte ich einige interessante Beobachtungen machen und ich bin nicht zu bescheiden sie auch mit meinen geneigten Lesern zu teilen (zumal darunter einige unfreiwillig Teilnehmer an meinem Versuch waren).

Zunächst einmal ist es - mit etwas Aufmerksamkeit - recht leicht, auf den eigenen Bauch zu hören. Viel schwieriger ist es dagegen, den eigenen Willen dann auch durchzusetzen. Im Alltag betreffen Entscheidungen nämlich auch andere Menschen, wenn auch oft nur indirekt. Früher oder später wird man sein Verhalten erklären oder sich dafür rechtfertigen müssen. Was sich bei reinen Bauchentscheidungen natürlich recht problematisch gestaltet. Insbesondere unangenehm wurden solche Situationen, wenn gute Freunde, die mich als sonst (halbwegs) rationalen Menschen kannten, versuchten mich umzustimmen. Besonders bei unwichtigen Entscheidungen ist es schwer “sich selbst treu zu bleiben” und nicht einfach dem Druck nachzugeben. ;)

Trotzdem muss ich sagen, dass ich bisher keine Bauchentscheidung bereue. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, glaube ich sogar, dass ich jene Entscheidungen meist bereut habe, die ich gegen mein Bauchgefühl getroffen habe. Egal wie viele Gedanken ich mir darüber gemacht hatte und wieviele mir dabei zustimmten. Allgemein fühlen sich Bauchentscheidungen einfach besser an, auch wenn es manchmal schwer ist, sie logisch zu begründen.

Doch mit der Rationalität bei der Entscheidungsfindung ist es ja sowieso nicht so weit her. Wissenschaftler haben nicht nur festgestellt, dass wir viele Entscheidungen erst treffen und dann begründen, sondern dass komplexere Probleme sogar besser intuitiv als durch Nachdenken zu lösen sind (Geo-Magazin 08, August 2008). Auch das ist eigentlich nichts Neues. Schon im Hagakure stand, dass sich ein Samurai für eine Entscheidung nur 7 Atemzüge Zeit nehmen solle.

Was würde jetzt wohl geschehen, wenn alle nur noch das täten, was sie wirklich wollten?
Keine Ahnung. Ich glaube aber nicht, dass es in Chaos ausarten würde, wie meine Mutter mir immer weiß machen wollte. Ich glaube, wenn jeder wirklich auf das hören würde, was sein Bauch ihm sagt, dann gäbe es schon mal weit weniger Unzufriedenheit auf dieser Welt (und weniger Magengeschwüre). Und mehr Zufriedenheit führt dann vielleicht zu weniger Neid, Hass und Gier und schlussendlich zu weniger Menschen, die anderen ihren Willen aufzwingen wollen.
Ich für meinen Teil werde jedenfalls bei Entscheidungen weiterhin versuchen, mehr auf meinen Bauch zu hören.

Category: mind funk | 2 Comments

Drogengesellschaft Deutschland

Sunday, November 02nd, 2008 | Author: Jan Lachnit

Copyright liegt beim Künstler! Leider keine Ahnung von wem das ist...

Seit Alters her ist der Gebrauch von dem, was wir Drogen nennen, bekannt. Ursprünglich bedeutete das Wort Droge “trocken” und bezeichnete schlichtweg getrocknete Pflanzenteile. Die Geschichte der Droge ist wohl so alt wie die Menschheitsgeschichte selbst. Fest steht jedoch, dass wir heute von mehr Drogen umgeben sind, als jemals zuvor. Und das ist gefährlich, vor allem wenn es uns nicht bewusst ist. Auch wenn die Medien gerne ein etwas anderes Bild zeichnen, sterben in Deutschland jährlich 73.714 Menschen alleine durch Alkoholkonsum, während an illegalen Drogen “nur” 1.296 Menschen (2006) ihr Leben verlieren. Ich glaube nicht, dass dieser Unterschied daran liegt, dass illegale Drogen schwerer zu besorgen sind. Ich glaube, legalen Drogen fallen deshalb mehr Menschen zum Opfer, da deren Gefahren einfach nicht so bekannt sind. Man hat das Gefühl sie müssten doch zumindest ungefährlicher als die illegalen Drogen sein. Kein Grund sich also darüber Gedanken zu machen, oder?

Lasst uns doch mal ein paar legale Drogen genauer unter die Lupe nehmen. Wenn man sich die Definition von Drogen zu Herzen nimmt (”[...] jeder Wirkstoff, der in einem lebenden Organismus Funktionen zu verändern vermag”), dann müssen außer Kaffee, Tee und Schokolade auch Glutamat und einige andere Lebensmittelzusatzstoffe dazu gerechnet werden. Eigentlich erschreckend. Um Drogen zu konsumieren, muss man sich also nicht mehr aktiv dafür entscheiden, es reicht unaufmerksam einzukaufen. Aber lassen wir das mal beiseite und betrachten nur die “Großen Drei”: Tabak, Alkohol und Medikamente.

Es mag ein Schock für jeden echten Drogengegner sein, aber im Grunde sind wir heute alle unsere eigenen Schamanen, jeder mit eigener Drogensammlung, an der wir uns bei Beschwerden bedienen. Angefangen bei Aspirin bis hin zu härteren Stoffen, die einem nur der Arzt verschreiben kann, werden Tabletten eingeworfen - meist ohne sich der tatsächlichen Gefahr dabei bewusst zu sein. Erst der ernüchternde Blick auf die Packungsbeilage verscheucht den Irrglauben Medikamente würden nur Gutes tun. Laut Studien des “Journal of the American Medication Association”, sterben in den USA jährlich 100.000 Menschen an den ihnen verschriebenen Medikamenten. Lediglich 7.000 davon wegen Fehlern im Rezept. Das alleine sind schon weitaus mehr Opfer als Amerika jährlich wegen illegaler Drogen zu beklagen hat (17.000 Menschenleben).
Aber auch wer sich von rezeptpflichtigen Medikamenten fern hält, sollte sich nicht allzu sicher fühlen. Ein Paradebeispiel dafür ist die beliebte Acetylsalicylsäure, besser bekannt unter dem Namen Aspirin, die jährlich 16.500 Amerikaner dahinrafft (verursacht durch Magenblutungen). Aber auch Paracetamol-Konsumenten seien gewarnt, denn es wirkt schon bei moderatem Alkoholkonsum äußerst schädigend auf die Leber und darf keines Falls zusammen mit Aspirin eingenommen werden (siehe Wikipedia)!
Doch egal, was man einnimmt: Wer ständig seinem Körper mit Medikamenten unter die Arme greift, der braucht sich nicht zu wundern, wenn dieser immer schwächer wird und man deshalb immer öfter zu immer stärkeren Medikamenten greifen muss.
Wer dagegen seinen Körper fit und gesund hält, wird auch nur selten krank. Und bei Krankheiten reichen oft schon simple, altbewährte Hausmittel, die nicht einfach nur die Symptome abschwächen oder dem Körper die Arbeit abnehmen, sondern ihn stärken, damit er die Ursachen von alleine beseitigen kann.

Ein gutes Hausmittel gegen den Kater nach der durchzechten Nacht ist übrigens Mineralwasser. Noch besser ist es jedoch, gleich auf den Alkohol zu verzichten. Denn Alkohol ist wirklich keine schöne Droge. Ich erinnere mich, dass in der Psychiatrischen Anstalt, in der ich meinen Zivildienst leistete, ein komplettes Gebäude für Patienten mit Alkoholproblemen reserviert war (und ein weiteres für alle anderen Arten von Drogen).
Alkohol wird als harte Droge klassifiziert, macht körperlich abhängig und hat eine “Lethale Dosis” bereits bei ca. 4,0 Promille. Außerdem wirkt Alkohol als Zell- und Nervengift und schädigt bei regelmäßigem Konsum den gesamten Körper, insbesondere das Nervensystem (dazu zählt auch das Gehirn) und die Leber. Die Zahlen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen habe ich ja oben schon genannt. Was dabei jedoch noch nicht mit einberechnet wurde, sind die Opfer durch Autounfälle, die nicht auf Alkohol getestet wurden. ÄrztlichePraxis.de schreibt, dass in jedem dritten Unfallbett ein Alkoholopfer liegt, aber nur in seltenen Fällen von der Polizei eine Messung des Alkoholspiegels angeordnet wird. Das ist aber auch noch nicht alles. Hinzu kommen noch 4.000 Kinder, die laut der Süddeutschen Zeitung mit geistigen und körperlichen Behinderungen zur Welt kommen, weil ihre Mütter während der Schwangerschaft nicht auf Alkohol verzichten wollten.
Das meiner Meinung nach fatalste am Alkoholkonsum ist jedoch der gesellschaftliche Faktor. Für viele ist eine Party ohne Alkohol wie ein Begräbnis ohne Toten - nämlich sinnlos. Und wer auf Partys mal nichts trinken will, wird sich dafür rechtfertigen müssen. Natürlich “muss” er das nicht, aber irgendwie wollen schon alle wissen warum. Alkoholkonsum ist so “normal”, dass man keinen Grund mehr braucht um zu Trinken, sondern einen um nichts zu trinken.

Wenigstens ist das beim Tabak anders. Das ist auch verständlich, denn Tabak fordert in Deutschland jährlich 110.000 bis 140.000 Menschenleben. Und genau wie beim Alkohol sind auch Tabakkonsumenten nicht nur eine Gefahr für sich selbst. Der Spiegel schreibt, dass jährlich 3.300 Menschen an den Folgen des Passivrauchens sterben. Wievielen Ungeborenen der Rauch zum Verhängnis wird, habe ich nicht herausfinden können. Was er aber den Kindern antut, hat der Medizin-Blog mal zusammengefasst.
Tabakkonsum macht, wie jeder weiß, körperlich abhängig. Wusstet ihr aber, dass Nikotin sogar zu den Drogen mit dem höchsten Suchtpotential gehört? Und auch nicht alle Folgen des Rauchens haben es auf die Warnhinweise der Tabakpackungen geschafft. Rauchen macht impotent, blind, fördert Alzheimer und verursacht so viele verschiedene Arten von Krebs, dass ich sie hier gar nicht alle aufzählen möchte.
Darum fassen wir es zusammen: Tabak macht krank und abhängig und man bekommt noch nicht mal einen Rausch dafür. Jetzt mal ehrlich, welche Gründe gibt es zu Rauchen, außer um irgendwie cool, intelligent oder erhaben zu wirken. Der Geschmack ist es sicherlich nicht. Und dass Rauchen beruhigend wirken soll, ist auch nur ein Märchen, tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Nikotin fördert die Ausschüttung von Adrenalin und beschleunigt den Herzschlag. Beruhigend wirkt er höchstens, wenn man ohne unter Entzugserscheinungen leidet. Laut Wikipedia wurde sogar belegt, dass Rauchen Stress verursacht.

Aber ich will hier niemanden von seiner geliebten Droge abbringen. ;) Meiner Meinung nach soll doch jeder einschmeißen, was er für richtig hält. Nur sollte er eben wissen, was er da einschmeißt und dafür sorgen, dass niemand anderes durch seinen Konsum beeinträchtigt wird. Ich bin weder für noch gegen Drogen und schon gar nicht für die eine und gegen die andere Droge. Das ist Heuchelei, denn es gibt keine guten und es gibt keine schlechten Drogen.
Es gibt nur bewussten und unbewussten Konsum.

Category: mind funk | 15 Comments

Im Zweifel

Friday, August 22nd, 2008 | Author: Jan Lachnit

Zweifel am Glauben

Jeder Mensch kennt ihn, den Zweifel. Allzu oft findet er sich zu den unpassendsten Zeiten ein, nagt an Überzeugungen, verscheucht Optimismus und untergräbt Selbstbewusstsein. Wenn selbst der Papst daran zweifelt, dass Gott ihn vor Attentaten schützen wird und sich in seinem kugelsicheren Papamobil verschanzt, wie soll ein Normalsterblicher vor dem Zweifel gefeit sein? Und doch begegnen wir Zweiflern oft mit wenig Verständnis und messen sie mit unterschiedlichem Maß. Abhängig von den Dingen, an denen sie zweifeln, loben wir sie als umsichtig und vorsichtig oder beschimpfen sie als paranoid. Je nachdem in welchem Kontext halten wir ihre Einwände für kluge Kritik oder realitätsferne Fantasien. Doch man macht es sich zu leicht, wenn man einfach Zweifel in berechtigt und unberechtigt einteilt. Diese Grenze gibt es nicht.

“Ich glaube nicht zu wissen, was ich nicht weiß.” - Sokrates

Nimmt man es wirklich genau, dann gibt es praktisch nichts, das wir wirklich wissen. Das, was wir Wissen nennen, ist eigentlich Glauben. Ich erwähne das immer wieder mal gerne, um Leuten damit auf die Nerven zu gehen. Macht man sich allerdings ernsthaft Gedanken darüber, erkennt man die weitreichenden Folgen dieser Erkenntnis. Es gibt keinen Unterschied zwischen jemandem, der, nachdem ihm ein Apfel auf den Kopf gefallen ist, beginnt an die Gravitation der Erde zu glauben und jemandem, der nach dem gleichen Erlebnis stattdessen damit beginnt an höhere Mächte zu glauben, die ihn dafür bestraft haben, dass er faul unter einem Baum herumlag. Während ersterer daraufhin überall Dinge sieht, die den Gesetzen der Gravitation gehorchen, wird der andere überall Werke seiner höheren Macht beobachten. Beide haben sich konditioniert zu sehen, was sie sehen wollen. Erzählen sie nun ihr Erlebnis einem dritten, wird dieser das glauben, das am besten in sein Weltbild passt, das für ihn am “logischsten” erscheint. Das hängt natürlich in nicht unerheblichem Maße auch von der Art ab, wie es vorgetragen wurde.
Willkommen auf einer Spirale abwärts in den Wahnsinn: Wenn ich nichts weiß, sondern nur glaube, dann glaube ich doch auch nur, dass ich nichts weiß, sondern nur glaube, wenn ich allerdings auch nur glaube, dass ich glaube, dass ich nur glaube und nicht weiß, dann…

“Wer zuviel zweifelt, der verzweifelt.” - Christoph Lehmann

Wenn es also kein Wissen gibt, was kann man dann noch glauben und an was sollte man zweifeln? Oft hört man, dass man nur glauben soll, was man selbst gesehen hat. Dank Photoshop & Co kann man sich auch danach nicht mehr richten, aber eigene Erfahrung ist wahrscheinlich das Einzige, das man Wissen heißen kann. Wissen ist etwas ungleich stärkeres als Glauben, obwohl auch die eigenen Erfahrungen missverstanden und die Sinne getäuscht werden können. Aus Erfahrung lernen wir seit Urzeiten und die Überlieferung dieser Erfahrungen machte uns zu dem, was wir heute sind. Irrtümer lassen sich dabei jedoch nicht ausschließen und zu diesem Zweck gibt es den Zweifel. Der Zweifel ist dazu da, immer wieder zu prüfen, ob die Überlieferungen mit unserer Erfahrung übereinstimmen. Doch der Zweifel ist ein zweischneidiges Schwert. Er führt uns zur Erkenntnis, indem er uns zum Nachforschen bringt, doch wenn man nicht aufpasst, verhindert er, dass man der gewonnen Erkenntnis Glauben schenkt.

“Die verhängnisvolle Neigung der Menschen, über etwas, was nicht mehr zweifelhaft ist, nicht länger nachzudenken, ist die Ursache der Hälfte aller Irrtümer.” - John Stuart Mill

Meiner Erfahrung nach ist die gesunde Wirkung des Zweifelns jedoch den meisten Menschen abhanden gekommen. Sie zweifeln nicht an dem, was sie in der Schule lernen, kaum an dem, was sie in den Nachrichten sehen, selten an dem, was sie von Autoritäten hören. Meiner Meinung nach gibt es zu wenig Zweifel an den Naturwissenschaften und zu viele an den Religionen.
Die Wissenschaft entwickelte sich aus der Religion, aus dem Bedürfnis die Welt zu erklären und entstand mit Hilfe des Zweifels, durch Nachforschung. Sowohl die Religion als auch die Naturwissenschaft versucht Erklärungen zu finden, die wir nicht direkt erfahren können. Somit müssen sie die gewonnenen Erfahrungen interpretieren und da liegt das Problem. Sobald man von der direkten Erkenntnis durch Erfahrung zur Interpretation übergeht und eine Erklärungen dafür sucht, warum der Apfel gefallen ist, entstehen Fehler. Das soll nicht heißen, dass man sich dazu keine Gedanken machen sollte, nur eben, dass man dabei vorsichtig sein sollte. Insbesondere, wenn es Interpretationen anderer Leute sind, deren Erfahrungen man selbst nicht erlebt hat.
Der Grund, warum ich finde, dass wir mehr an der Wissenschaft als an der Religion zweifeln sollten, ist, dass die Wissenschaft momentan viel zu ernst genommen wird. Die Religion dagegen wird von den meisten meiner Bekannten eher belächelt. (Sicherlich gibt es den umgekehrten Fall ebenfalls, aber ich will nur von meinen eigenen Erfahrungen sprechen :D ) Allein die Tatsache, dass es unzählige Religionen gibt, die doch oft recht ähnlichen Prinzipien und Idealen folgen, lässt erahnen, dass es nicht um die Worte geht, sondern um das, was sie beschreiben. Ich denke weder die Religion, noch die Wissenschaft sollte man als einzig korrekte Beschreibung der Wirklichkeit, der Wahrheit nehmen. Denn an der Wahrheit zweifelt man nicht. Die Wahrheit ist unantastbar, absolut. Doch so eine Wahrheit gibt es nicht. Es gibt nur Interpretationen und Thesen, die zwar falsifiziert, aber niemals verifiziert werden können.
Wer das verinnerlicht hat, der begegnet jeder Meinung mit Toleranz und jeder Überzeugung mit Vorsicht und betrachtet den Zweifel als Freund des Wissens, statt als Verführer der Ungläubigen.

Category: mind funk | 8 Comments

Dank Europa

Tuesday, June 17th, 2008 | Author: Jan Lachnit

eines der Plakate, die überall in Magdeburg rumhängen

Wenn sich an den Stellen, an denen sonst Zigaretten-, Bier- und BILD-Werbung zu finden ist, plötzlich Plakate präsentieren, die sich bei der EU bedanken, dann sollte man sich doch fragen, was das zu bedeuten hat. Offensichtlich scheint irgendwer mir Europa verkaufen zu wollen - oder zumindest die EU. Sonst würde man doch kaum die Kosten und Mühen aufbringen ganz Magdeburg mit diesen Hinweisen zu pflastern. Warum will man mir die EU verkaufen und warum gerade jetzt? Neben der kostenlosen Hotline fand sich auch einen Link auf dem Plakat: www.europa.sachsen-anhalt.de. Dort begrüßt mich Staatsminister Rainer Robra und läd mich ein, mich “näher über die europapolitischen Aktivitäten unseres Landes zu informieren”. Gut, ich bin da jetzt nicht sooo wirklich dran interessiert, aber wenn man mich so nett fragt… etwa eine Minute später hab ich dann aber auch schon genug. Etwas zu propagandistisch für meinen Geschmack. Irgendwas ist doch da im Busch. Nicht lange nachdem ich so dachte, ertönte ein Aufschrei in den Medien: Die Iren haben den Vertrag von Lissabon nicht ratifiziert!

“Der Vertrag von Lissabon (ursprünglich auch EU-Grundlagenvertrag bzw. -Reformvertrag genannt) soll der Europäischen Union eine einheitliche Struktur und Rechtspersönlichkeit geben und den abgelehnten Vertrag über eine Verfassung für Europa (VVE) ersetzen.” - wikipedia.de

Ist das vielleicht der Grund, warum man in meiner Gegend Europa-Propaganda betreibt? Leider bin ich nicht gerade gut informiert über politische Angelegenheiten, aber über den VVE habe ich seinerzeit zumindest mal Kritik von Prof. Dr. Schachtschneider gehört. Der europakritische Professor hat sich meines Wissens auch zu diesem Vertrag wieder kritisch zu Wort gemeldet, aber in den Medien überwiegt die Pro-Europa-Propaganda, jedoch stets ohne Begründungen, auch wenn es davon zweifellos welche geben wird.

Warum die Iren nicht zugestimmt haben, lag laut Netzeitung.de, die ich bis jetzt für halbwegs objektiv hielt, hauptsächlich an mangelnder Aufklärung. “862.415 Iren stürzten mit dem Nein zu Lissabon auch die EU und ihre fast 500 Millionen Einwohner in eine ungewisse Zukunft.”, hieß es da und “[s]elbst die in Irland so beliebte Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte bei ihrem Werbebesuch für Lissabon vor wenigen Wochen offensichtlich keinen bleibenden Eindruck hinterlassen.” Ungewisse Zukunft, Werbebesuch? Aha, also hatte ich doch richtig geraten, man versucht uns die EU gerade schmackhaft zu machen, zu verkaufen. Und zwar mit Angstmache und gutem Zureden. Irland musste aber leider (als einziges Land) seine Bürger abstimmen lassen. Die Schweine haben sich allerdings nicht richtig aufklären lassen und schon stand “der politischen Elite Irlands” “[d]ie Ratlosigkeit und das Entsetzen [...] ins Gesicht geschrieben”, um nochmal Netzeitung zu zitieren. Ich bin ehrlich überrascht über die einseitige Berichterstattung über dieses Thema. Niemand scheint die Wahl der Iren zu akzeptieren, scheinbar hat niemand damit gerechnet, dass tatsächlich jemand etwas gegen den Vertrag haben könnte.

Zumindest bei attac finde ich dann aber Kritik an dem ganzen Treiben, dort wurde eine eigene Aktions-Seite zu dem Thema eingerichtet mit dem Aufruf zur Hilfe, die einseitige Berichterstattung zu korrigieren. Laut attac schlagen “namhafte Politiker” momentan sogar vor, den Vertrag einfach trotzdem zu ratifizieren. Als Bürger eines demokratischen Systems würde mich allein schon der Gedanke an so eine Vorgehensweise erschrecken. Leider lebe ich nicht in einem demokratischen System, denn dann hätte man mich zu so wichtigen Fragen doch sicher auch (direkt) abstimmen lassen. Nach dem Lesen der zweiseitigen Stellungnahme von attac verstehe ich die Kritik am Vertrag schon wesentlich besser. Schockiert hat mich dabei vor allem folgendes Zitat aus dem Vertrag selber:

“Die Mitgliedstaaten verpflichten sich, ihre militärischen Fähigkeiten schrittweise zu verbessern.”

Ganz ehrlich, Leute, was geht da vor?
Ich weiß, ich hab da nicht wirklich viel Ahnung von, doch diese übertrieben einseitige Propaganda, der ich mich gegenüber gestellt fühle, weckt mein Misstrauen und meine Ablehnung. Wenn ich den Fernseher anmache und auf einmal alle einer Meinung zu sein scheinen, dann muss da doch was faul sein, oder? So eine mediale Übereinstimmung findet man ja noch nicht einmal, wenn es um die Klimaerwärmung geht.

PS: Wo wir grad alle hier in Deutschland in Fußballlaune sind:
1. Eigentor für Deutschland: Die Bahn wird jetzt tatsächlich privatisiert.
2. Endspiel für die Petition gegen das BKA-Gesetz, bis zum 1. Juli kann noch unterschrieben werden.
3. Weiteres Tor für Linux: Linux Mint 5 ist endlich draußen!

Category: mind funk | 12 Comments

Deine Schuld

Saturday, May 24th, 2008 | Author: Luisa Federwisch

Geh mal wieder auf die Straße,
geh mal wieder demonstriern!
Nächsten Samstag gibt es Demos,
die dich sicher intressiern.
Gegen Vorratsdatenspeicherung,
für Freiheit anstatt Angst.
Das ist auch ein kleiner Beitrag,
den du locker leisten kannst!

Falls du dazu noch ein passendes T-Shirt brauchst, schau doch mal hier!

Wer noch mehr tun will, der kann an dem Ideenwettbewerb “Generation D” teilnehmen. Ja, ist ein blöder Name, aber eigentlich ein interessantes Projekt! Der Wettbewerb richtet sich an Studenten, die sich mit den Problemen in unserer Gesellschaft auseinandersetzen wollen. Es geht darum, für ein konkretes Problem Lösungsstrategien zu entwickeln, die sich dann auch in die Praxis umsetzen lassen. Dabei gibt es drei Kategorien: Arbeit & Wirtschaft, Klima & Umwelt, sowie Soziale Gesellschaft. Teams von mindestens drei Studenten können ihre Ideen bis zum 15. Juli 2008 online einreichen. Zu gewinnen gibt es neben Geld für die drei Siegerteams und der Vorstellung der zehn besten Projekte vor Politikern und Wirtschaftsleuten in Berlin auch Unterstützung bei der Umsetzung. Die Initiatoren versprechen dabei zu helfen, dass die Ideen im Anschluss an den Wettbewerb tatsächlich verwirklicht werden, und dafür Sponsoren und Mentoren aus der Wirtschaft zu suchen.

Doch Vorsicht: “wenn du etwas ändern willst, dann bist du automatisch Terrorist”. So ging es zum Beispiel Gentechnik-Gegnern in Portugal, deren “Feldbefreiung” national und sogar von Europol als “terroristische Tat” bezeichnet wurde. Seitdem gibt es nun auch “Öko-Terroristen“, vor denen wir uns schützen müssen. Laut einer portugiesischen Zeitung sind Gentechnik-Gegner nämlich “nichtidentifizierte Extremisten”.
Wer nun tatsächlich demonstrieren will, der sollte sich unbedingt seiner Rechte bzw. deren Ausschaltung bewusst sein. “Dass Demonstranten Grundrechte haben, wird vor allem als ‘Behinderung der Polizeiarbeit’ gesehen.” Zu diesem Fazit kommt das Buch “Feindbild Demonstrant”, herausgegeben vom Republikanischen Anwältinnen- und Anwälteverein, welches die Geschehnisse rund um den G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm dokumentiert. Allein die Informationen aus dieser Buchrezension sind schon erschreckend.

Hoffentlich erzählt man uns nicht irgendwann, Demonstration käme vom englischen Wort “demon”…

Category: mind funk | 3 Comments