Heute waren Jan und ich auf unserem ersten Smart Mob (eine Art Flash Mob). Ungefähr 20-25 junge Menschen fanden sich um 11 Uhr an einem Platz in einer Kieler Einkaufstraße ein, als eine Sirene ertönte und alle (inklusive Jan und mir) umfielen. Einige andere Personen in weißen Schutzanzügen kamen, um die Umrisse unserer Körper mit Kreide auf’s Pflaster zu zeichnen. Jemand teilte den umstehenden Passanten über ein Megaphon mit, was vorgefallen war.
Der 26.04.1986 war der Tag des GAUs im Atomkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine. 23 Jahre danach hat sich am explodierten Reaktorblock 4 nicht viel geändert. Im Inneren des Blocks ist die Situation noch weitgehend so wie zum Zeitpunkt der Katastrophe. Er ist nur mit einem provisorischen, durchlässigen Sarkophag “geschützt”. Erst 2007 wurde der Bau eines neuen Sarkophags in Auftrag gegeben. Es gibt auch keinen Grund zur Eile. Viele Menschen aus den verstrahlten Gebieten sind schließlich schon gestorben oder aus ihrer Heimat vertrieben worden.
Die Erinnerung an den Unfall verblasst langsam, doch immer mehr Atomkraftgegner kommen zusammen, um das nicht zuzulassen. An diesem Wochenende gab und gibt es Aktionen, Demos und Kundgebungen in ganz Deutschland. Wer dabei (noch) nicht selbst aktiv werden will, kann sich bis zur Bundestagswahl am 27.09.2009 eine Meinung zur Atomkraft bilden, denn die Wahl entscheidet auch über die Zukunft der deutschen Atomkraftwerke.
Es gibt sehr sehenswerte Bilder aus der Gegend um Tschernobyl, u.a. hier. Auch interessant sind die ersten Tagesschau-Berichte über den Unfall: “Ist eine Gefährdung der Bevölkerung der Bundesrepublik auszuschließen?” - “Ja. Absolut auszuschließen.”, sagt Innenminister Zimmermann.
(aus dem Film “Network” von 1976; eine etwas längere Version mit Untertiteln findet sich hier)
Die weiteren Vorträge auf dem Wirkcamp - von Prof. H. J. Schellnhuber zum Thema “Ist der Klimawandel noch zu beherrschen?” und von Prof. M. Niekisch über “Naturschutz in Krisenzeiten” - machten mir vor allem eines wieder ganz deutlich:
Diese Welt ist so kaputt… mir fallen gar keine passenden Worte ein, um das Unmaß an Umweltzerstörung, sozialer Ungerechtigkeit, und blinder Macht- und Profitgier vernünftig auszudrücken. Man muss sich ja fast wundern, wenn man mal auf Menschen trifft, die ihr Leben nicht mit einer Was-geht-mich-das-an-ich-kann-eh-nichts-tun-Mentalität leben, sondern die wirklich etwas verändern wollen. Und ich kann durchaus verstehen, dass man das alles lieber verdrängen möchte, denn wenn man sich diese ganze Scheiße ständig im Bewusstsein halten würde, würde man wohl ziemlich schnell wahnsinnig werden.
Da es aber doch auch Menschen gibt, denen nicht alles egal ist und denen unsere Erde am Herzen liegt, schauen wir mal nach einfachen Maßnahmen, die zur Lösung der Probleme beitragen. Wahrscheinlich würden sogar viele Menschen sagen, ja, die Probleme unserer Welt sind schlimm, es sollte mal was getan werden. Aber wieviele davon kommen denn auf die Idee, selbst etwas zu unternehmen? Wieviele beteiligen sich an Unterschriftenaktionen, schreiben an ihre Politiker, informieren weitere Menschen, oder gehen für eine Sache auf die Straße? Viel zu wenige!
“Ich kann nicht verstehen, dass heute die jungen Leute nicht die Bagger an den Baustellen der Kohlekraftwerke blockieren.” - Al Gore, Friedensnobelpreisträger 2007
Ich möchte hier nur zwei ganz konkrete Beispiele nennen, wo etwas gerade gewaltig schief läuft, wo aber jeder aktiv werden kann, um das zu ändern.
Ihr habt sicher schon mal von Aung San Suu Kyi gehört, der burmesischen Friedensnobelpreisträgerin, die seit einigen Jahrzehnten für Demokratie in Burma kämpft. Sie wurde seit 1988 immer wieder inhaftiert und verbrachte ganze 13 Jahre in Verwahrung der Militärjunta. Im Moment steht sie unter Hausarrest und ihr wird jeglicher Kontakt mit der Außenwelt verweigert. Über 2000 weitere Aktivisten und Mönche werden ebenfalls noch gefangen gehalten. Für die breiten Medien ist dieses Thema natürlich schon wieder zu langweilig, aber AVAAZ - ein weltweites Aktionsnetzwerk - hat eine Petition an den UN-Generalsekretär Ban Ki Moon gestartet und fordert die Freilassung der politischen Gefangenen Burmas. Über 198.000 Menschen weltweit haben sich dieser Forderung bereits angeschlossen. Doch AVAAZ hat sich ein weit höheres Ziel gesteckt - es gibt noch einiges zu tun!
Wahrscheinlich weniger von euch werden schonmal vom Amur-Leoparden gehört haben. Und wenn nicht schnell genug getan wird, wird man davon auch bald nichts mehr hören. Es gibt nur noch 40 dieser wunderschönen Tiere in freier Wildbahn. Ihr Lebensraum im Amurgebiet wird immer weiter zerstört und Wilderer haben es auf die letzten ihrer Art abgesehen. Der WWF hat einen Rettungsplan ausgearbeitet und braucht unsere Unterstützung. Ich habe vorhin spontan 50€ gespendet. Wieviel seid ihr bereit zu geben, um einzigartige Tiere vor dem Aussterben zu bewahren?
Es sind nicht wenige Arten, die wir Menschen an den Rand der Ausrottung getrieben haben. Da wären z.B. die letzten 55 Java-Nashörner, die stark bedrohten Orang-Utans oder neuerdings auch der Eisbär, der seinen Lebensraum durch den anthropogenen Klimawandel verliert und noch innerhalb unserer Lebenszeit aussterben könnte. Und das passt mir ganz und gar nicht.
Wenn ihr also auch mit dem derzeitigen Zustand der Welt - in welcher Hinsicht auch immer, es gibt ja genügend - nicht einverstanden seid, steht auf, sagt den Verantwortlichen eure Meinung und werdet aktiv! Es gibt mehr als genug Möglichkeiten, einen Beitrag für eine bessere Welt zu leisten. Jeder kann etwas tun und wenn viele Menschen gemeinsam für eine Sache eintreten, führt das gar nicht so selten zum Erfolg.