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Im Zweifel

Friday, August 22nd, 2008 | Author: Jan Lachnit

Zweifel am Glauben

Jeder Mensch kennt ihn, den Zweifel. Allzu oft findet er sich zu den unpassendsten Zeiten ein, nagt an Überzeugungen, verscheucht Optimismus und untergräbt Selbstbewusstsein. Wenn selbst der Papst daran zweifelt, dass Gott ihn vor Attentaten schützen wird und sich in seinem kugelsicheren Papamobil verschanzt, wie soll ein Normalsterblicher vor dem Zweifel gefeit sein? Und doch begegnen wir Zweiflern oft mit wenig Verständnis und messen sie mit unterschiedlichem Maß. Abhängig von den Dingen, an denen sie zweifeln, loben wir sie als umsichtig und vorsichtig oder beschimpfen sie als paranoid. Je nachdem in welchem Kontext halten wir ihre Einwände für kluge Kritik oder realitätsferne Fantasien. Doch man macht es sich zu leicht, wenn man einfach Zweifel in berechtigt und unberechtigt einteilt. Diese Grenze gibt es nicht.

“Ich glaube nicht zu wissen, was ich nicht weiß.” - Sokrates

Nimmt man es wirklich genau, dann gibt es praktisch nichts, das wir wirklich wissen. Das, was wir Wissen nennen, ist eigentlich Glauben. Ich erwähne das immer wieder mal gerne, um Leuten damit auf die Nerven zu gehen. Macht man sich allerdings ernsthaft Gedanken darüber, erkennt man die weitreichenden Folgen dieser Erkenntnis. Es gibt keinen Unterschied zwischen jemandem, der, nachdem ihm ein Apfel auf den Kopf gefallen ist, beginnt an die Gravitation der Erde zu glauben und jemandem, der nach dem gleichen Erlebnis stattdessen damit beginnt an höhere Mächte zu glauben, die ihn dafür bestraft haben, dass er faul unter einem Baum herumlag. Während ersterer daraufhin überall Dinge sieht, die den Gesetzen der Gravitation gehorchen, wird der andere überall Werke seiner höheren Macht beobachten. Beide haben sich konditioniert zu sehen, was sie sehen wollen. Erzählen sie nun ihr Erlebnis einem dritten, wird dieser das glauben, das am besten in sein Weltbild passt, das für ihn am “logischsten” erscheint. Das hängt natürlich in nicht unerheblichem Maße auch von der Art ab, wie es vorgetragen wurde.
Willkommen auf einer Spirale abwärts in den Wahnsinn: Wenn ich nichts weiß, sondern nur glaube, dann glaube ich doch auch nur, dass ich nichts weiß, sondern nur glaube, wenn ich allerdings auch nur glaube, dass ich glaube, dass ich nur glaube und nicht weiß, dann…

“Wer zuviel zweifelt, der verzweifelt.” - Christoph Lehmann

Wenn es also kein Wissen gibt, was kann man dann noch glauben und an was sollte man zweifeln? Oft hört man, dass man nur glauben soll, was man selbst gesehen hat. Dank Photoshop & Co kann man sich auch danach nicht mehr richten, aber eigene Erfahrung ist wahrscheinlich das Einzige, das man Wissen heißen kann. Wissen ist etwas ungleich stärkeres als Glauben, obwohl auch die eigenen Erfahrungen missverstanden und die Sinne getäuscht werden können. Aus Erfahrung lernen wir seit Urzeiten und die Überlieferung dieser Erfahrungen machte uns zu dem, was wir heute sind. Irrtümer lassen sich dabei jedoch nicht ausschließen und zu diesem Zweck gibt es den Zweifel. Der Zweifel ist dazu da, immer wieder zu prüfen, ob die Überlieferungen mit unserer Erfahrung übereinstimmen. Doch der Zweifel ist ein zweischneidiges Schwert. Er führt uns zur Erkenntnis, indem er uns zum Nachforschen bringt, doch wenn man nicht aufpasst, verhindert er, dass man der gewonnen Erkenntnis Glauben schenkt.

“Die verhängnisvolle Neigung der Menschen, über etwas, was nicht mehr zweifelhaft ist, nicht länger nachzudenken, ist die Ursache der Hälfte aller Irrtümer.” - John Stuart Mill

Meiner Erfahrung nach ist die gesunde Wirkung des Zweifelns jedoch den meisten Menschen abhanden gekommen. Sie zweifeln nicht an dem, was sie in der Schule lernen, kaum an dem, was sie in den Nachrichten sehen, selten an dem, was sie von Autoritäten hören. Meiner Meinung nach gibt es zu wenig Zweifel an den Naturwissenschaften und zu viele an den Religionen.
Die Wissenschaft entwickelte sich aus der Religion, aus dem Bedürfnis die Welt zu erklären und entstand mit Hilfe des Zweifels, durch Nachforschung. Sowohl die Religion als auch die Naturwissenschaft versucht Erklärungen zu finden, die wir nicht direkt erfahren können. Somit müssen sie die gewonnenen Erfahrungen interpretieren und da liegt das Problem. Sobald man von der direkten Erkenntnis durch Erfahrung zur Interpretation übergeht und eine Erklärungen dafür sucht, warum der Apfel gefallen ist, entstehen Fehler. Das soll nicht heißen, dass man sich dazu keine Gedanken machen sollte, nur eben, dass man dabei vorsichtig sein sollte. Insbesondere, wenn es Interpretationen anderer Leute sind, deren Erfahrungen man selbst nicht erlebt hat.
Der Grund, warum ich finde, dass wir mehr an der Wissenschaft als an der Religion zweifeln sollten, ist, dass die Wissenschaft momentan viel zu ernst genommen wird. Die Religion dagegen wird von den meisten meiner Bekannten eher belächelt. (Sicherlich gibt es den umgekehrten Fall ebenfalls, aber ich will nur von meinen eigenen Erfahrungen sprechen :D ) Allein die Tatsache, dass es unzählige Religionen gibt, die doch oft recht ähnlichen Prinzipien und Idealen folgen, lässt erahnen, dass es nicht um die Worte geht, sondern um das, was sie beschreiben. Ich denke weder die Religion, noch die Wissenschaft sollte man als einzig korrekte Beschreibung der Wirklichkeit, der Wahrheit nehmen. Denn an der Wahrheit zweifelt man nicht. Die Wahrheit ist unantastbar, absolut. Doch so eine Wahrheit gibt es nicht. Es gibt nur Interpretationen und Thesen, die zwar falsifiziert, aber niemals verifiziert werden können.
Wer das verinnerlicht hat, der begegnet jeder Meinung mit Toleranz und jeder Überzeugung mit Vorsicht und betrachtet den Zweifel als Freund des Wissens, statt als Verführer der Ungläubigen.

Category: mind funk | 8 Comments