Koma-Trinken: Merkel appelliert an die Eltern
Wednesday, May 14th, 2008 | Author: Jan Lachnit

“Koma-Trinken: Merkel appelliert an die Eltern” durfte ich letztens im Südkurier lesen. Klingt ja schon mal gut. Leider rief unsere gute Bundeskanzlerin nicht, wie ich dachte, die Eltern zum Koma-Trinken auf, sondern beklagte sich darüber, “dass Jugendliche ihre Gesundheit ganz bewusst aufs Spiel setzen, nur weil es gerade ‘in’ ist”. Koma-Trinken ist “in”? Das hat mir die Bildzeitung aber noch nicht verraten! Ich glaube kaum, dass sich überhaupt irgendwer absichtlich ins Koma trinkt. Nach der ersten Alkoholvergiftung werden wohl die meisten ihre Lektion gelernt haben und sich das nächste Mal nur so stark betrinken, wie es jeder andere auch tut.
An sich stimme ich Frau Merkel in ihrem Video-Podcast zum Thema “Alkoholmissbrauch von Jugendlichen” aber zu (auch wenn sie dasteht wie Mr. Burns und redet als sei sie auf ganz anderen Drogen). Ich frage mich nur, was das ganze Gerede bewirken soll: “Wir müssen ganz entschieden - alle in unserer Gesellschaft - dagegen antreten, dass Jugendliche zum Alkoholkonsum verführt werden oder um Stärke zu beweisen, dies übermäßig tun.” Irgendwie müssen Jugendliche aber ihre Stärke beweisen. Da sollten wir lieber froh sein, dass sie es gewaltfrei tun und nicht mit den bösen Killerspielen! Aber mal Spaß bei Seite, irgendwo müssen diese Trends herkommen. Hier wird doch Ursache und Wirkung vertauscht. Dass übermäßiger Alkoholkonsum zur Trendsportart geworden ist, ist die Folge von etwas und nicht die Ursache dafür, dass sich immer mehr Jugendliche nicht mehr mit einem Durchschnittsrausch zufrieden geben. Meiner Meinung nach kann das auch nicht ausschließlich daran liegen, dass wir, laut Suchtmittel.de, in Deutschland europaweit die niedrigsten Alkohol-Preise haben. Ich glaube auch nicht, dass man das “aggressive Marketing der Alkoholindustrie” (ebenfalls laut Suchtmittel.de) dafür verantwortlich machen kann. Die Symbiose von beiden Phänomenen wäre übrigens dann diese gefürchtete Flatrate-Party, auf der man einmal zahlt und dann saufen kann, soviel man will. Einige Politiker riefen vor einiger Zeit allerdings nach einem Verbot selbiger, natürlich mit Erfolg. Seriösere Zeitgenossen wie unsere Bundeskanzlerin dagegen plädieren dafür, dass die aktuellen Gesetze erstmal konsequenter umgesetzt werden sollten. Das klingt doch schon viel sinnvoller, aber auch da bleibt offen, wie das geschehen soll. Wer soll sich denn darum kümmern? Wer kann sich darum kümmern?
Ich erinnere mich noch daran, als ich mit der Einführung des Dosenpfands von Dosenbier auf Vodka umgestiegen bin. Damals war ich sechzehn. Besonders in Erinnerung blieb mir die eine Kassiererin, die es tatsächlich ernst nahm und nach meinem Ausweis fragte. Mit Hilfe eines Taschenrechners subtrahierte sie mein Geburtsjahr vom aktuellen und verkaufte mir daraufhin freundlich, 5 Monate vor meinem 18. Geburtstag im Juli, meine Flasche 5-Euro-Vodka. Vodka - das war zu meiner Zeit die Flatrate-Party. Mal ehrlich, wer sich besaufen will, der schafft das auch. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass da wiedermal nur an den Symptomen herumgedoktert wird und die eigentlichen Gründe unbehandelt bleiben. Warum immer mehr Jugendliche sich wochenends ins Krankenhaus trinken, bleibt doch eigentlich ungefragt. Als Hobbypsychologe behaupte ich jetzt einfach mal, einer der Gründe für die beobachteten Phänomene in unserer aktuellen Jugendkultur ist eine in den letzten Jahren rapide wachsende Perspektivlosigkeit. Deren Ursache liegt vielleicht in unserem Bildungssystem und sicher nicht zuletzt in unserem, subjektiv wahrgenommen, perspektivlosen politischen System. Aber diese Probleme lassen sich leider nicht so einfach aus der Welt schaffen. Da ist es nur natürlich, dass sich unsere Politiker lieber daran versuchen, die Symptome zu verdecken, statt die Ursachen zu beseitigen. Das heißt jedoch, dass es am Ende wieder an uns - also allen in unserer Gesellschaft - liegt, etwas daran zu ändern. Schade eigentlich, denn wenn ich auf sowas Lust hätte, dann wäre ich doch in die Politik gegangen.
Vielleicht gehe ich mich doch lieber ins Koma saufen oder - viel angenehmer - ins Koma zocken. So hat es jedenfalls mein kleiner Bruder letztes Wochenende getan, bevor er “bewusstlos” auf dem Wohnzimmersofa “zusammenbrach”.
Schlimm sowas… ![]()
Category: random jazz | 5 Comments
